David Collin erzählt uns von seinem Aufenthalt im Gästehaus L´Etoile in der Lozère. Weit davon entfernt ein traditionelles Hotelgewerbe zu sein, ist L´Etoile ein echtes Abenteuer für sich. Lassen Sie uns an Bord dieses Schiffes gehen und mitreisen…
L´Etoile Ein Ozeandampfer im grossen grünen Ozean
David Collin
Der Ozeandampfer! So werde ich von jetzt an das wundervolle Gästehaus nennen, welches früher das Hotel Ranc oder das L'Hotel du Parc war; ein Schiff am Kai: Steg, Deck, Besatzungskabine, Maschinenraum und Hochseeküche. Ein weißes Haus, vor dem Wasser in Sicherheit gebracht von einem grossherzigen Goldsucher: Philippe Papadimitriou. Er ist der Kommandant der Herberge, der Herr der Schlüssel und der Schiffsluken, ein griechisch-belgischer Gigant, welcher zugleich steuert, baut, kocht und die Besucher, welche er gerne noch einige Tage länger im Lozère sehen würde, zurückhält.
Das Gästehaus L´Etoile segelt friedlich nur wenige Längen vom Grünen Ozean entfernt, den die belgischen oder flämischen Pilgerer, mit welchen wir an diesem Abend den Gästetisch teilen, überqueren werden. Man begegnet sich hier nicht, ohne einen Teil seiner Träume geteilt zu haben.
Und ständig sind wir am Tisch des Kommandanten eingeladen. Eine lang anhaltende Einladung, denn hier findet ein Weg zu neuer Freundschaft statt: was uns mit diesem Ort und jenen, die man hier wieder sieht, verbindet.
Ich bin mit Eric Poindron hergekommen auf den Spuren seiner Reise in der Lozère… auf den Spuren von Robert Louis Stevenson und seinen bewundernswerten Umwegen. Umwege der Freundschaft, wo man sich die Zeit, nimmt sich kennen zu lernen, wo die Begegnung genossen und kultiviert wird. Der Freundschaftsweg, den Eric uns anbietet und an den Philippe anschließt, ist auch das Teilen von Erinnerungen, von entfernten Wegen, die wir vor dem säuselnden Kamin des Ozeandampfers betreten, im großen Saal, wo bei zwei köstlichen Birnenschnäpsen Lachen und Lieder des Kapitän ewig andauern.
Hier lerne ich Sergio und seine Abenteuer vom Ende der Welt kennen, Sergio in Gestalt eines grossherzigen Schamanen, Doktor in Sachen Verführung, der an Bord seines Wohnmobils ebenfalls durch die Cevennen fährt.
Bevor er dem Klavier wieder einmal Leben verleiht, setzt sich Philippe an die Gitarre, wie in den Büchern, wie in "Belles Etoiles" von Eric, wo alles was der Tag gebracht hat unter meinen Augen Leben annimmt. Diese Unterkunft besitzt Magie, welche eine nährende Kraft hat.
Verdauungsstreifzug nach einer fabelhaften Mahlzeit (wir würden allein für dieses Gratin dauphinois, welches der besten Gästetische würdig ist, wiederkommen): nach dem Essen machen wir uns bei Einbruch der Nacht in den stillen Wald der Mönche von "Notre Dame des Neiges" neben der Ardèche auf. (Während ich feststelle, dass ich den Birnenschnaps vor dem Spaziergang getrunken habe, bemerke ich noch unterm Schreiben, dass ich die Tatsachen verdrehe, aber die Reihenfolge der Erinnerung hat kaum Bedeutung, es existiert kein Rahmen mehr, das Gedächtnis wagt sich in die Mäander anderer, ebenso geheimnisvoller Wälder vor und bleibt schließlich nur eine Abfolge von wunderbaren Begegnungen und Momenten).
Ein Innehalten im Wald, vier Männer und ein Hund – Billy – hören die Stille, zwei Schritte von der Unterkunft L'Etoile entfernt, einige Meter von einem klösterlichen Kreis, in dessen Kellern arbeitsame Mönche den exzellenten Aperitif "Quineige vin tonique" destillieren. Wir horchen in die Nacht, das Tier von Gevaudan, das aus Lozère kommt, heraufbeschwörend und in der Tiefe des Waldes die imaginären Schatten der Gespenster dieses Ortes erahnend.
Aber in der Herberge werden uns die Geister nicht daran hindern zu schlafen, weder der des Ungetüms noch jene der reichen Familien vom Anfang des Jahrhunderts, der Frauen und Kinder, die hierher geschickt wurden um den Anführer der Sippschaft, der an der Côte d´Azur blieb, in Frieden zu lassen, hierher geschickt um nichts zu tun; und wenn doch um zu wandern, dem Geplätscher des Allier zu lauschen, zur Nachmittagsruhe im Garten zu schlafen und die Züge passieren zu sehen.
Man kann kaum schöner träumen und auch wir sind versucht, diese zwei bescheidenen Tage zu verlängern, die, wie uns scheint, schon vor langer Zeit begonnen haben. Dank der zwischenmenschlichen Annäherung und der warmen Atmosphäre hier. Wir müssen abreisen, du weißt nur zu gut, Philippe, dass wir dazu verurteilt sind wiederzukommen. Schöne Prophezeiung dieses "man kommt immer wieder zum L'Etoile zurück" und süße Verdammung hierher zu kommen, wieder herzukommen.
A propos "Belles Etoiles" von Eric Poindron:
Sich verirren oder Zeit gewinnen um seine Zeit zu vertrödeln, das ist die Absicht des wahrhaftigen Reisenden, welcher vielleicht trotz seiner selbst durch einen jungen Robert Louis Stevenson belehrt wird, der hinter seiner Eselin Modestine die nebelige Lozère während eines grauen Herbstes durchquerte.
Eines schönen Tages entscheidet Eric, der Hausierer-Pilger-Verleger-Chronist-Schriftsteller, schließlich den Schritten Stevenson's zu folgen. Letztendlich nur mehr oder weniger, denn in der Nuance und der Abweichung findet die wahre Begegnung statt. Die Undankbarkeit des Anstiegs, der nicht enden will und der Oktoberregen werden rasch durch eine phantastische Reihe von Begegnungen kompensiert werden, die Eric Poindron weiter ausbaut, pflegt und auffrischt sobald er die Gelegenheit hat zu den Orten dieser langen Pilgerreise zurückzukehren.
Egal, was ihm widerfährt, nichts wird den freundschaftlichen Elan von diesem wohlwollenden Mann zurückhalten, der, in der rugbyähnlichen Ovale seines Gesicht das Aussehen eines robusten Marschierers genau trifft, es liebt, um sich eine Welt von Freunden zu knüpfen. Eine Welt von Freunden, die die Reise zusammenbringt, das Abenteuer des verlorenen und wieder gefundenen Weges - geheimnisvoll, aber nicht zu sehr - und das Teilen der schönen Momente um einen gut gedeckten Gästetisch (Sie finden die Liste der Unterkünfte und Gästezimmer der Strecke unter www.gr-infos.com/gr70a.htm).
Eric Poindron auf den Spuren von Stevenson und ich - ich selbst oder auch ein maskierter Anderer - auf den Spuren von Eric Poindron, mit ihm und seinen unbekannten Bekannten oder "Bekannten in ihrem Dorf, ihrer Straße oder ihrem Mietshaus", wie es Chris, der das Leben über alles liebt, so schön sagt. Die Zeit sich Zeit zu nehmen, das ist das Leben, das spontane Lächeln bei einer Begegnung, das ist das Leben, die Fleischklösschen-Terrine mit Kräutern, das ist das Leben, der Wein aus der Heimat und auch das einfache Lachen.
Um nicht zu sehr von diesem anregenden Traum abzuweichen, ist es das Beste Eric Poindron zu lesen, sein Buch, welches man genießen kann wie eine reife Melone, wie einen Birnenschnaps vom L'Etoile, wie eine gut gewürzte Wurst, wie den amüsierten Blick eines Scharmeurs.
Schauen Sie es sich an, springen Sie von einem Kapitel zum nächsten, kehren Sie zurück, um sich zwischen den Geistern zu verlieren, um mit Ihren Handflächen die imaginären Mauern der aufgehobenen Steine abzutasten, das Moos zu riechen und den Wind zu spüren, den Aufbruch ins Lichts zu Beginn eines wunderbaren Sommers. Zu kaufen ist das Buch bei: Kollektion Gulliver, herausgegeben von Michel Le Bris. Flammarion. Das Buch kaufen